Magazine of the Century
  • Von Florian Leu

40 Tonnen Müll. So viel produziert jede Schweizerin und jeder Schweizer durchschnittlich im Leben.

Im Jenseits trete ich in eine grosse weisse Halle, ins Museum meines Mülls. Ich bin der einzige Besucher.

Ich gehe über einen schwarzen Teppich. Der Abrieb meiner Veloreifen, jedes Jahr neunzig Gramm Mikroplastik, die ich auf Zürcher Strassen schrubbte, jedes Jahr so viel wie eine Tafel Schokolade. Eingewoben auch der Abrieb meiner Sneakers, jeder Schritt setzte kleinste Partikel frei. Wäre ich Auto gefahren statt Velo, wäre der Teppich fünfzig Mal länger.

Ich folge einer Reihe aus fünfhundert Zahnpastatuben, nach Farben sortiert. Zwölf Kilometer Zahnseide, zu einem Knäuel arrangiert. Sieben Hektoliter Duschgel in einem Becken, in einem Aquarium daneben die Kunststoffkügelchen und Bindemittel aus Polymer, die ungefiltert ins Abwasser kamen. Zehntausend Rollen Klopapier, aufgetürmt in der Form weisser Bäume. Etwa fünfzehn Fichten sind dafür gefällt worden. Im Innenhof des Museums sitze ich eine Weile in diesem Wäldchen. Hätte ich zwei Kinder gehabt, wäre es doppelt so gross, entspräche etwa einem Tennisplatz. Drinnen sähe ich dann einen Berg aus zwölftausend Windeln, die erst in fünfhundert Jahren zersetzt wären, und der Mikroplastik darin nie.

Wir haben die Erdkruste chemisch und physisch verändert.
Wir erschaffen gerade eine neue Erdschicht. 
Eigentlich ist das eine olympische Leistung. 

Ich gehe weiter. Über mir hängen Hunderte CO₂-Wölkchen, jedes zweihundert Gramm schwer, die Überbleibsel meiner wöchentlichen Zugfahrten von Zürich nach Baden und zurück. Darunter ragt ein Kleiderhaufen in die Höhe: meine zweihundert T-Shirts, ein unzertrennliches Gemisch aus Baumwolle und Elastan, das nicht recycelt werden kann.


Momente des Staunens in der Abteilung für Ewigkeitschemikalien. Ich sehe mikroskopische Aufnahmen der PFAS aus Regenjacken, Teflonpfannen, Backpapier, Pizzakartons, Pappteller, Einweggeschirr. Polyfluorierte Alkylverbindungen – schon der Begriff ist schwer verdaulich. Nichts in der Natur kann diese Verbindungen aufbrechen, weder Bakterien noch ultraviolettes Licht noch Hitze noch Wasser. Es gibt über zehntausend davon. Sie sind wasserlöslich und flugtauglich. Wenn man eine Jacke wäscht oder eine Pfanne entsorgt, gelangen PFAS ins Abwasser. Kläranlagen können sie nicht filtern, so kommen sie in Flüsse und Meere. Man findet sie im Regenwasser der Antarktis, im Blut von Eisbären, in jedem menschlichen Körper. Ihr Endlager sind die Sedimente der Tiefsee. Sie sind die Signatur, die wir ins Gedächtnis des Planeten schreiben. In Millionen Jahren könnten Geolog:innen anhand dieser Schicht bestimmen, wann die Zeit der Fluor-Chemie begann. Wir haben die Erdkruste chemisch und physisch verändert, eigentlich ist das eine olympische Leistung. Wir erschaffen gerade eine neue Erdschicht. Wenn man das Alter des Planeten, viereinhalb Milliarden Jahre, als einen Tag sieht, brauchten wir dafür die Millisekunde vor Mitternacht. Als Projektion auf einer Leinwand sehe ich, wie die Partikel aus Fluor und Kohlenstoff zeitlupenhaft durch die Tiefsee schweben. Man nennt es Meerschnee. 

Ich komme vorbei an einem Hügel Zigarettenstummel aus den zehn Jahren, als ich Selbstgedrehte rauchte. Bei den Kaugummis kann ich als Museumsbesucher mitgestalten, selber aktiv werden. Etwa sieben Kaugummis habe ich pro Tag gekaut, Stimorol Peppermint. Jetzt habe ich die Wahl: Entweder könnte ich mit all den Kaugummis einen Nachbau meiner Wohnung tapezieren oder draussen einen Turm stapeln, so hoch wie der Burj Khalifa.

In einer Ecke lagern Erinnerungen, die ich vergessen hatte: mein ungebrauchtes Schlauchboot. Die ausgebleichte Luftmatratze, auf der ich durch Kindheitssommer driftete. Die Taucherbrille, durch die ich nach Fischen Ausschau hielt. Wird der ganze Plastik nicht recycelt? Plastikmüll wird in Europa oft getrennt, dann auf Frachtschiffe geladen und in den globalen Süden gebracht. Dort landet er auf offenen Deponien oder im Meer, und dann wieder in den Fischen und auf unseren Tellern.

Wie in anderen Museen auch, gibt es hier Keramikscherben. Sie sind bedruckt mit: Ikea. Archäolog:innen der Zukunft werden den Namen für den einer weltweit verehrten Göttin halten. Keramik und Glas bleiben im Boden mehr als eine Million Jahre bestehen. Daneben liegt haufenweise das Wegwerfbesteck, mit dem ich die eine oder andere Tonne Essen on the go zu mir nahm. Hunderte von Küchenschwämmen, Lappen, Schrubber, Klobürsten, mit denen ich meinen Dreck in Schach hielt und dabei Dreck der anderen Art verursachte.

Die tiefsten digitalen Spuren hinterlassen nicht Selfies vor unberührten Berglandschaften, klaren Seen und wilden Flüssen, sondern haufenweise Metadaten.
Für künftige KI ist dieser Datenmüll der Rohstoff, aus dem sie lernen, was das eigentlich hiess: Menschsein.

Ich lese die Infotafeln über den Urknall in Sachen Plastik. Wir lösten ihn in den Fünfzigerjahren des letzten Jahrhunderts aus. Der Zeitraum bis heute wird als die grosse Beschleunigung bezeichnet. Fast jedes Stück Plastik, das seit 1950 hergestellt wurde, besteht heute noch, als Fragment oder Mikroplastik. Seit den Sechzigerjahren gibt es Einwegwindeln, PET-Flaschen, eingeschweisstes Gemüse. Meine Zahnbürsten, Kaugummis, mein Reifenabrieb, die Gehäuse meiner Elektrogeräte werden als Partikel in Gesteinsschichten eingebacken. Dieses neue Gestein heisst Plastiglomerat und wird an einigen Stellen Tausende, an anderen Millionen von Jahren bestehen. Wir waren keine flüchtigen Gäste auf Erden. Wir waren ein Erdzeitalter.

In einem dunklen Raum lebt mein digitaler Zwilling. Ein Untoter, zusammengesetzt aus einem Terabyte einsamer Daten, die immer noch in der Cloud hängen. Die Leuchtdioden des Servers gleichen dem ewigen Licht in einer Kirche. Eine Datenwolke, die in zehn Jahren zwei Tonnen CO₂ verursacht. Um zu überdauern, brauchen meine Daten Strom, Kühlung und Hardware. Die tiefsten digitalen Spuren hinterlassen nicht meine Selfies, die Momente vor unberührten Berglandschaften, klaren Seen, wilden Flüssen, und ich daneben mit meinem grünen Patagonia-Faserpelz. Die tiefsten Spuren sind meine Metadaten: Bewegungsprofile, Konsumverhalten, Kontakte. Für künftige KI ist dieser Datenmüll der Rohstoff, aus dem sie lernen, was das eigentlich hiess: Menschsein.

Ich komme an ein paar letzten Ausstellungsstücken vorbei. Der Abrieb meiner Rollatorreifen, mehr Fussabtreter als Teppich. Ein paar hundert Seniorenwindeln, ein überschaubarer Haufen. Mein gerontologischer Elektroschrott ist so arrangiert, dass er aussieht wie die Organe eines durchsichtigen Menschen. Ich sehe meine Hörgeräte und andere Apparate, die mich gegen Ende meines Lebens mehr und mehr zum Cyborg machten: Hirnschrittmacher, Augenimplantate, bionische Hüftgelenke, Magensonden.

Schliesslich stehe ich vor einer grossen, gläsernen Flasche. Darin schwappen vierzig Liter Leichenwasser, so heisst die Flüssigkeit, die während Verwesung und Fäulnis aus dem Körper tritt. Die Mischung aus Ammoniak, Antibiotika, Hormonen, Schmerzmitteln und den sogenannten Leichengiften Putrescin und Cadaverin ist so toxisch, dass europäische Leichen als Sondermüll eingestuft werden.

Ich sehe in kleinen Fläschchen die Flammschutzmittel aus meinen Kleidern, die sich in meinem Fettgewebe angereichert haben. Hätte man mich feuerbestattet, hätten die Krematorien Filter gebraucht, um das Quecksilber meiner Zahnfüllungen aus der Luft zu fangen.




In unserem Hirn sammelt sich im Lauf eines Lebens genug Mikroplastik an, um damit den Deckel einer PET-Flasche zu füllen.

Am Ende komme ich an einer Statue von Tlazolteotl vorbei. Sie war die aztekische Göttin des Mülls, die Fresserin der Sünden. Sie soll meinen Abfall in neues Leben verwandeln. Aus dem Museumsshop nehme ich eine Holzfigur der Göttin in einem gut kompostierbaren Leinensäcklein mit. Im Bistro bestelle ich dann noch ein Filet Alaska-Lachs. Mit ihm schlucke ich auch jene forever chemicals, die ich vor einem halben Jahrhundert selbst freigesetzt habe. Ich kaue und denke nach. Mittlerweile soll genug Mikroplastik in unserem Hirn sein, dass man damit die Verschlusskappe einer PET-Flasche füllen könnte. Spüre ich die Partikel in meinem Kopf?

Während ich im Museumscafé sitze, stelle ich mir etwas vor, das meinem Leben auf Erden gleicht, und der Gedanke macht mich glücklich. Ein Leben, in dem physischer und digitaler Müll unsichtbar bleiben und ich unbesorgt von einem Moment zum nächsten gehe. Ohne zu wissen, dass jeder Schritt für eine Million Jahre im Gedächtnis der Erde gespeichert bleibt. Ein Leben, in dem ich eine Plastikverpackung in einen Züri-Sack stecke, den Züri-Sack in einen Unterflur-Container werfe, aus dem er am nächsten Morgen schon verschwunden ist. Weggebracht von Entsorgung & Recycling, scheinbar für immer.

Der Weg des Mülls beginnt auf der Strasse, bei Männern wie Mauricio. Er stammt aus Porto und arbeitet seit zwanzig Jahren für die Zürcher Müllabfuhr, die irgendwann sauber in Entsorgung & Recycling umbenannt wurde. Er dürfte bis heute etwa hunderttausend Tonnen Müll weggeschafft haben. Entsorgung ist Knochenarbeit. Wie hart es im Winter ist, wenn die Kälte durch die Handschuhe beisst, während er und seine Kollegen auf dem Trittbrett durch Minustemperaturen surfen.

Dagegen die Sommermomente: Wenn sie mit dem Müllwagen angebraust kommen und Kinder winken. Und zu Weihnachten schenken ältere Leute manchmal Weihnachtsgeld oder handgeschriebene Karten, Schokolade und Wein.

750 Tonnen Müll. So viel landet jeden Tag im Hagenholz, der grössten Verbrennungsanlage der Schweiz.

Heute ist Mauricio mit einem Hybridfahrzeug unterwegs. Der Wagen steuert das Hagenholz im Norden von Zürich an und passiert die Waage. Zehn Tonnen Müll, wie immer. Hier wird gescannt, ob sich radioaktiver Abfall darin verbirgt. Schlägt der Detektor an, werden die Säcke aufgeschlitzt, wird mit Geigerzählern der Herd gesucht. Meist handelt es sich um Windeln aus dem Spital: Ein:e Krebspatient:in wurde mit einem Kontrastmittel untersucht und entlassen. Daheim machte er/sie in die Windel und warf sie in den Müll. Wenn die Detektoren schweigen, rollt Mauricios Wagen weiter zu den Einfüllschächten. Der Ofen zieht viel Luft an, das nennt sich Saugzug. Deshalb riecht es vor den Verbrennungslinien erstaunlich frisch. Manchmal rollt einem ein einsamer Avocadostein zwischen die Schuhe. Der Wind wirbelt Plastikfetzen herum. Alles andere rutscht in die Tiefe. 

Vom Kontrollraum aus überblicke ich eine kathedralengrosse Halle. Sie ist nicht weiss, sondern grau. Beat Schweingruber, Betriebsingenieur, auch «Mister KVA» genannt, führt mich durchs Innenleben der Anlage.

Der Kontrollraum könnte ein Grossraumbüro in einem beliebigen Konzern sein. Hinter den Panoramafenstern erstreckt sich die Halle mit dem Müll, ein schwarzgraues Gebirge. Darin herrscht ein eigenes, postapokalyptisches Klima. Staub wirbelt durch die Luft, an den Wänden wachsen Pilze, bedeckt von Russ und Asche.

Im peinlich sauberen Kontrollraum sitzen drei Männer reglos vor Bildschirmen voller Zahlen und Kurven. Die Stimmung ist andächtig. Im Hintergrund läuft der süsse Pop von Coldplay.

Von seiner Kanzel über den Abfallbergen blickt der Operator in die Tiefe, zwanzig Meter Müll bis zur Bunkersohle. Schweingruber nennt das «de ganz Grümpel». Die stählerne Greifzange langt ins Chaos und lockert es auf. Das Material unserer Welt liegt dem Operator zu Füssen. Tennisbälle, Cola-Büchsen, Star-Wars-Legoverpackungen, Sneakers, Windeln, ein zerfetzter Plüschpanda, ein toter Staubsauger, das staubige Gespenst einer Geburtstagsparty: leere Ballone an einer glitzernden Girlande. Schweingruber sagt: «Hier ist das ganze Periodensystem drin.»

In den Ofen damit. Das Feuer brennt permanent. Es knistert, lodert und faucht rund um die Uhr. Nur einmal im Jahr erlischt es, zur Revision. Wenn sie die Kammern danach wieder hochfahren, fackeln die Angestellten nicht lange. Sie entzünden das Feuer manchmal auch mit einem Molotowcocktail. Wenn es einmal brennt, wird es nur von der Zugluft genährt. Bald herrschen wieder tausend Grad da drin, eine moderne Hölle. Der Rückschubrost bugsiert den etwas eigenwilligen Müll immer wieder zurück ins Feuer, so geht auch das letzte Stück Abfall in Flammen auf.

Hier wird die Energie unseres Wohlstands verbrannt und zumindest teilweise zurückgewonnen. Ein Tunnel pumpt die Energie aus dem Müll in die zentralen Quartiere. 45’000 Haushalte erhalten so ihren Strom, 109’000 ihre Wärme. 

Schweingruber blickt durch das Fensterchen, hinter dem das Feuer tobt. Er kennt sich aus mit Feuer. Müll mit hohem Heizwert wie Plastik sollte man langsam erhitzen, damit die Feuchtigkeit weicht. Gelegentlich kommt es zum Schneidbrenneffekt. Wenn etwa Strohballen in den Ofen gelangen, brennen sie lichterloh, ziehen massenhaft Luft, und die Temperatur schnellt hoch. Neuerdings gefährdet eine Partydroge die Anlage: Lachgas. Die Leute werfen die Metallflaschen oft noch halb voll weg. Im Ofen explodieren sie und schlagen Krater in die Wände. «Macht scho chli Bumm», sagt Schweingruber.

In der grossen Halle des Mülls steuert der Operator mit der stählernen Greifzange den nächsten Haufen an. Im Hintergrund läuft leise Musik.

Die Anlage könnte der Darm eines Riesen sein. In den Rohren ein einziges Knallen, Scheppern, Rumpeln, Dröhnen, später dann nur noch ein Rieseln. Der Müll, anfangs gross und sperrig, wird immer kleiner. Wer nicht Chemie studiert hat, hört zwei neue Begriffe pro Satz: Die ätzende Brühe der Flugaschenwaschanlage löst das Ganze in der Sauerwäsche auf. Chloride und Halogene werden abgeschieden, wandern durch den Tropfenfänger. Rütteltische fraktionieren die Metalle.

Was nach dem Inferno übrig bleibt, ist eine glühende Mine. Aus einer Tonne Abfall ergeben sich am Ende 150 Kilo Schlacke, 22 Kilo Flugasche, 7 Kilo giftiger Hydroxidschlamm. 3’900 Tonnen Rückstände pro Jahr. Über die Eisenabscheidung werden jährlich 550 Tonnen Metall zurückgewonnen. Kugellager, Ketten, Schrauben, der geschmolzene Aludeckel eines Joghurts – alles wird hier sortiert. Die restliche Schlacke wandert am Ende in die Reaktordeponie Kehlhof im Thurgau: asbesthaltige Materialien, nicht brennbarer Industriemüll, reaktionsfähige Abfälle.

Früher wurde der Müll in Senken geworfen. Bis heute hat das Bundesamt für Umwelt fast 40’000 belastete Standorte erfasst: Deponien, Industrieareale, Unfallorte. Viele dieser Altlasten stammen aus einer Zeit, als es keine Umweltgesetze gab und man den Müll vergrub. Ein Tiefpunkt der Schweizer Umweltgeschichte ist die Sonderabfalldeponie in Kölliken, Aargau. Einst eine Grube für Haushalts- und Industrieabfälle, sickerte eine Giftbrühe ins Grundwasser und machte Kölliken zu einem der teuersten Sanierungsfälle des Landes. Die Kosten für Untersuchungen, Rückbau, Entsorgung und Nachsorge beliefen sich auf rund 900 Millionen Franken.

Heute vergraben wir unsere Hinterlassenschaften nicht mehr. Wir verbrennen sie bei tausend Grad. Zurück im Kontrollraum blickt Schweingruber auf die Kurven der Ofentemperaturen. Alles in Ordnung. Draussen in der grossen Halle des Mülls steuert der Operator mit der stählernen Greifzange den nächsten Haufen an. Im Hintergrund läuft leise Musik, während seine Zange das Periodensystem auflockert. Das Summen der Öfen klingt in meinem Ohr lange nach, verstummt erst nach einer Weile. Wie eine Vorschau auf die Stille, die mich erwartet, wenn ich im Jenseits auf den schwarzen Teppich trete.