Magazine of the Century
  • Von Michèle Roten
  • 15. August 2026
  • 8 Min. Lesezeit

Ich habe mich lange geweigert. Seit Jahren raten mir Menschen in meinem Umfeld, «Love is Blind» zu schauen. Zwei Zimmer, zwei Menschen, eine Hochzeit, ohne dass sich die beiden je gesehen haben. «Es ist natürlich totaler Trash», sagen sie dann jeweils, «aber irgendwie geil. Irgendwie gut.»

Bei den Kardashians wollte ich nicht,
dass sie mich zu interessieren beginnen.
Taten sie dann
doch. 

Ich habe mich geweigert, weil ich mein Gehirn nicht vermüllen will. Weil ich befürchte, dass ich anfällig für diese Dating-Serie bin. Nein: Ich weiss, dass ich anfällig bin dafür. Es war dasselbe bei «Keeping up with the Kardashians» – auch dort habe ich mich lange dagegen gewehrt. Weil es mich nicht interessierte, weil ich nicht wollte, dass ich mich dafür zu interessieren beginne. Ein unglücklicher Umstand führte dazu, dass ich eine Folge schaute. Sie bestätigte alles, was ich befürchtet hatte: Durchgescripteter Scheiss, der sich als echt ausgibt. Künstliche Emotionen, die zeigen sollen, wie normal diese künstlichen Menschen sind. Komplett durchschaubar alles, und doch entscheidet sich irgendwas im Gehirn dazu, es zu glauben. Ich schaute alle verfügbaren Folgen. Den Ausstieg schaffte ich nur durch die erzwungene Pause nach einer Staffel. Ich kam wieder zu mir und stieg nicht mehr ein, als es weiterging.

Einen Tag lang Zucker für mein Gehirn

Grundsätzlich bin ich recht bewusst, wenn es darum geht, was ich mir zuführe. Ich esse gesund – und das nicht mal, weil ich vernünftig bin, sondern weil mir gesundes Essen schmeckt. Ich lese Bücher, von denen ich etwas lerne, schlechte Literatur macht mich depressiv. Dasselbe mit Filmen und Musik: Ich mag es, herausgefordert, überrascht, mit Neuem konfrontiert zu werden.

Und doch bin ich nicht gefeit vor dem Sirenengesang des Einfachen, Schlechten, Dummen, Leichtverdaulichen. Siehe meine Kardashians-Phase. Siehe meine jederzeit übervolle Süssigkeiten-Kiste. Und ich liebe Bier. Mein Belohnungszentrum ist, im Gegensatz zu meinem präfrontalen Kortex, kein Snob. So sehe ich diesem Selbstversuch eigentlich recht freudig entgegen: Ich werde einen Tag lang nichts anderes tun, als dem Trash zu frönen. Immer die unvernünftige Variante wählen, das, was sich gerade jetzt gut anfühlt, Instant Gratification All Day Long.

Gleich nach dem Aufstehen geht’s los: Statt einer Tasse Kaffee mit Milch und ohne Zucker gibt’s einen Energy Drink. Ein Guilty Pleasure, das ich mir etwa einmal in der Woche gönne, am liebsten, wenn es niemand sieht. Und weil das Aufwachen nun eh schon zu einer gänzlich unromantischen Angelegenheit verkommen ist, gehe ich direkt auf Instagram, anstatt noch ein bisschen aus dem Fenster zu schauen, die Nachrichten zu hören und langsam die Falten der Nacht loszuwerden. Instagram ist magisch. Ich sehe innert kürzester Zeit, wie sich Trockeneis in Honig verhält, wie man eine Kondomverpackung dazu nutzen kann, einen Faden in eine Nadel zu fädeln, oder wie man Zahnpasta in einen Trinkhalm abfüllt für Reisen. Ich sehe einen Beitrag darüber, wie jemand ein Schildkrötenei ausbrütet, schaue einer dabei zu, wie sie perfekte Übergänge macht beim Malen einer Wand, und lerne, wie man eine süsse Wassermelone erkennt.

Eigentlich ist das gar nicht mal so trashig. Klar, das meiste ist absolut obsolet, aber vieles ist tatsächlich interessant – ich habe meinen Algorithmus gut trainiert. Zu gut. Die obengenannte «kürzeste Zeit» ist eine ganze Stunde. Sechzig Minuten lang habe ich mir einfach reingezogen, was es so reinzuziehen gibt. Und nicht gemerkt, wie die Zeit vergeht. Als ich merke, dass ich jetzt schon eine Stunde am Küchentisch gesessen und gescrollt habe, entscheide ich, auf dem Sofa weiterzuscrollen.

Ein Hofnarr, allein zu meiner Erquickung 

Instagram funktioniert wie ein Spielautomat. Beim Runterziehen des Feeds wissen wir nie, ob als Nächstes ein langweiliges Bild, ein lustiges Reel oder etwas kommt, das das Leben verändert. Diese Unvorhersehbarkeit triggert im Gehirn den Botenstoff Dopamin. Das Gehirn liebt diese Überraschungen und will immer weiter scrollen, um die nächste «Belohnung» zu finden. Doch zum Glück flacht die Dopamin-Ausschüttung irgendwann ab – das Gehirn ist ja nicht blöd und merkt irgendwann, dass sich die Inhalte doch irgendwie alle ähneln. Bei mir ist das nach etwa zwei Stunden der Fall: Ich werde unruhig, mir ist langweilig, obwohl auf diesem kleinen Gerät die Welt Faxen macht, wie ein Hofnarr, allein zu meiner Erquickung. An einem normalen Tag hätte ich jetzt das Bedürfnis, etwas Sinnvolles zu tun. Die Wohnung zu putzen, die Abstimmungsunterlagen auszufüllen, etwas zu erledigen, das ich lange aufgeschoben habe. In solchen Momenten spürt auch die Atheistin die religiösen Prägungen unserer Gesellschaft: Tue Busse (Katholizismus), arbeite (Protestantismus). Aber es ist kein normaler Tag. Also: «Love is Blind».

Instagram ist wie Glücksspiel: Vielleicht kommt als  Nächstes etwas, das mein Leben verändert. 

Also: 15 Frauen und 15 Männer lernen sich zuerst «blind» und nur durch Gespräche kennen. Wenn’s passt, macht man sich einen Heiratsantrag, sieht sich zum ersten Mal, geht zusammen in die Ferien und heiratet dann. Es gibt Adaptionen der Show in allen möglichen Ländern, aber ich schaue natürlich das Original aus der Trash-Capital of the World: USA. Und merke schnell: Die für mich schlimmste Art von Trash ist der, der versucht, deep zu sein. Menschen, die zeigen wollen, wie gut sie sind. Sie adoptieren Hunde. Sie geben Tanzkurse für Senioren. «Es kommt nicht auf das Äussere an», sagt der Mann, der definitiv mehr Zeit investiert in die Hülle um seinen Schädel als in das, was drin ist. «Das Wichtigste ist, dass man individuell ist», sagt die Frau, die ich nicht von all den anderen unterscheiden kann. Gefakte Tränen bei der Erinnerung an Mobbing in der Kindheit («Alle nannten mich Bohnenstange, weil ich so lange Beine habe.») 

Gefaktes Entsetzen, gefaktes Berührtsein, gefakte Freude. Aber ich bin drin. Auf eine seltsame Art. Über weite Strecken sitze ich zu einem kleinen Ball zusammengecringed auf dem Sofa und frage mich, warum man sich das antut. Menschen, die keine professionellen Schauspieler:innen sind, dabei zuzusehen, wie sie so tun, als würden sie Liebe suchen, als würden sie sich öffnen, verletzlich zeigen, als würde etwas in ihnen berührt. Natürlich sind sie nicht da, um eine Ehefrau oder einen Ehemann zu finden. Sie wollen berühmt werden, eine Marke aufbauen oder zumindest ihre 15 Minuten Ruhm abholen. Und vielleicht ist genau das ein Teil des Reizes – Menschen dabei zuzuschauen, wie sie sich verkaufen. Trash ist ehrlich in seiner Unehrlichkeit.

Besser betrogen als gelangweilt

Und doch: Selbst mit der zynischsten Brille holt mich das romantische Narrativ manchmal ein. Dann hoffe ich doch, dass irgendeine der Frauen checkt, wie lustig der Typ ist, den alle komisch finden. Oder dass die mit dem durch Operationen verunstalteten Arm am Schluss einem gegenübersteht, dem das komplett egal ist. In der Medienwissenschaft nennt man das «The Suspension of Disbelief»: Ich schalte meinen rationalen Verstand bewusst aus, um mich emotional hinzugeben. Ich gehe einen Pakt mit den Macher:innen der Show ein: Ich tue so, als wäre das echt, und ihr unterhaltet mich dafür. Ich will betrogen werden, um mich nicht zu langweilen.



Zwei Bildschirme gleichzeitig sind offensichtlich abartig und wissenschaftlich erwiesen schlecht. 

Das funktioniert gar nicht so schlecht. Ich lasse mich berieseln, lackiere meine Fussnägel und bestelle mir, logisch: Fast Food. Cheeseburger, Pommes frites, Cola. Zirka 900 Kalorien, maximale Verzehrfreude (Fett, Salz, Zucker, mein dopaminerges System jubelt), und gar nicht mal so ein Müll: Das Fleisch und der Käse liefern immerhin etwa 15 Gramm Proteine, dazu noch etwas Vitamin B12, Zink, Eisen und Kalzium. Bloss aus der Cola ist wirklich gar nichts zu holen. Ausser etwa 60 Gramm Zucker, was die von der WHO empfohlene Tagesmenge bereits überschreitet. (Aber: Cola soll ein hervorragendes Mittel gegen Nagelpilz und stinkende Füsse sein. Hab ich auf Instagram gelernt.)

Und dann stumpfe ich mich wissentlich ab

Nach dem Burger zu «Love is Blind» verlangt mein Belohnungszentrum nach mehr. Second Screening, here I come. Eine Verhaltensweise, der ich mich relativ oft hingebe – und immer mit einem schlechten Gewissen. Es ist einerseits ganz offensichtlich abartig, sich von zwei Screens bespassen zu lassen, andererseits ist es tatsächlich schlecht. Eine strukturelle MRT-Studie der University of Sussex zeigte, dass Menschen, die oft Multimedia multitasken, eine geringere Dichte der grauen Substanz im anterioren cingulären Kortex (ACC) aufweisen. Das ACC ist die Gehirnregion, die für Emotionsregulation, Empathie und kognitive Kontrolle (wie das Ausblenden von Ablenkungen) zuständig ist. Ausserdem gewöhnt sich das Gehirn ganz einfach an das konstante Novelty Seeking und stumpft gegenüber normalem Input ab, braucht immer mehr und extremere Stimulation.

Instagram wäre eine Möglichkeit, aber ich will jetzt eine härtere Dröhnung: Temu. Der ultimative Trash, wörtlich genauso wie im übertragenen Sinne. Die App begrüsst mein mesolimbisches Belohnungssystem mit Glücksrädern, Countdowns, fallenden Preisen und virtuellen Gutscheinen. Ich scrolle mich durch einen gigantischen Müllberg brandneuer Produkte. Eine Bürste für Katzen mit eingebautem Staubsauger («Low Noise Doesn’t Scare Your Baby Fur Kids»). Eine Mini-Waschmaschine für Unterwäsche («On the Strong Attraction On Beauty Appearance»). Ein Ultra-HD visueller Ohrenreiniger («Dig while looking ear cleaning is safer»). Zigarettenhalter mit Fingergelenk-Clip «für bequemes Rauchen». Ein Sonnenschirm für das Handy. Washable Underarm Sweat Pads. Eine Brille, mit der man auf dem Rücken liegend fernsehen kann.

Temu ist das Denkmal, das wir unserer Faszination für Schrott gebaut haben. 

Mein Stinkefinger an die Ratio

Ich bin nun auf dem Gipfel des Trashs angekommen. Temu ist das Denkmal, das wir unserer Faszination für Schrott gebaut haben. Unsere gesellschaftliche Liebäugelei mit dem Schlechten, Billigen, Banalen, Unnützen fungierte immer als Ventil, als bewusster, ironisierter Bruch mit der Vernunft. Die Welt ist anstrengend und fordernd. Die Lust auf kognitive Entlastung durch den Konsum zugänglicher, leicht verdaulicher, sofort belohnender Inhalte – von Instagram, TV-Shows, Fast Food bis zu Temu-Shopping – liegt auf der Hand. Es ist eine Art Stinkefinger an die Ratio: Ich weiss das, aber es ist mir egal. In der Psychologie spricht man auch von Hedonic Reversal: Dinge, die objektiv als minderwertig gelten, können subjektiv gerade durch diese Minderwertigkeit Genuss erzeugen. Und das wollen wir. Genuss, Spass, uns gut fühlen. Und dafür nehmen wir in Kauf, beschissen zu werden. Uns selbst zu bescheissen. Mit gefakter Liebe, Essen, das nicht wirklich nährt, und Produkten, die ihren einzigen Wert darin haben, erwartet und ausgepackt zu werden. Danach sind sie auch für die Person, die dafür gezahlt hat, das, was sie von Anfang an waren: Müll.

Ich habe inzwischen schon so lange «Love is Blind» geschaut, dass mich Netflix fragt, ob ich noch da bin. Die Antwort lautet: nein. Ich gebe auf. Inzwischen fühle ich mich so leer und verschmutzt, dass mir kein Dopamin-Kick mehr hilft. Jetzt hilft nur noch nachhaltigeres Serotonin. Ich wende mich der aristotelischen Annäherung an die Glücksfrage zu: eudämonische Befriedigung durch Nützlichsein. Ich reinige die Abflüsse und bringe den Müll runter. (Aber die Katzenbürste hab ich mir bestellt.)